Schloss Gaienhofen

Ein Traum in Texas

Erfahrungsbericht nach einem Auslandsjahr in den USA

Elisa Kleinstück (rechts) mit ihrer "Kollegin", einer Austauschschülerin aus der Ukraine

Im vergangenen Jahr ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen, der Traum eines Auslandsjahres. Nie hätte ich daran geglaubt, dass gerade ich die Möglichkeit bekomme, mit dem PPP diese Erfahrung zu machen. 

Das Parlamentarische Patenschaftsprogramm, kurz PPP, gibt jährlich rund 360 Schüler/innen und jungen Berufstätigen die Möglichkeit für zehn Monate in den USA bei einer Gastfamilie zu wohnen und dort auf eine High-School zu gehen, beziehungsweise verschiedene Praktika zu machen. 

Gleichzeitig kommen amerikanische Schüler nach Deutschland, die ebenfalls in Gastfamilien untergebracht werden und hier zur Schule gehen. In den USA heißt das Programm Congress-Bundestag Youth Exchange, kurz CBYX. 

Jeder Austauschschüler ist ein Junior-Botschafter, der die Aufgabe hat deutsche Kultur und Werte in ihrer Schule, Gastfamilie oder Praktikumsstelle weiter zu geben. Bei der Auswahl wird auf Politisches, sowie soziales Engagement und die Persönlichkeit geachtet, ebenso auf Schulnoten. Die Stipendiaten haben immer einen Bundestagsabgeordneten des jeweiligen Wahlkreises als Paten. Mein Pate ist der Bundestagsabgeordnete Andreas Jung. 

Ungefähr ein Jahr ist es jetzt her, als ich von meiner damals noch völlig unbekannten Gastfamilie am Flughafen in Dallas (Texas) abgeholt wurde. Ich glaube, das war der mit Abstand aufregendste Tag in meinem Leben, ich habe mich so gefreut und gleichzeitig war ich unbeschreiblich aufgeregt. Seitdem ist so viel passiert, ich habe unendlich viele Erfahrungen gemacht, neue Leute kennengelernt, eine mir zuvor unbekannte Kultur erforscht und meinen eigenen Horizont erweitert. 

Mit meiner Gastfamilie, die aus den Eltern und meiner „Gastschwester“ besteht, habe ich auf einer Ranch ziemlich im Nirgendwo gewohnt. Auch wenn die weiten Entfernungen manchmal nervig sein können, wurde das alles von unserem privaten See und dem unendlich weiten Land wett gemacht. Auf der anderen Seite des Sees wohnten die Großeltern in einem wunderschönen „Loghouse“, das ganz traditionell eingerichtet ist und an Weihnachten eine spitze Kulisse für jeden typisch amerikanischen Weihnachtsfilm hätte sein können. Schon von Anfang an hat mir meine Gastfamilie das Gefühl gegeben, dass ich ein vollwertiges Mitglied ihrer Familie bin. 

Als ich dort ankam, ging es ohne Vorwarnung direkt von null auf hundert, denn schon an meinem zweiten Tag in den USA betrat ich zum ersten Mal in High-School. Man denkt immer, man kenne die USA aus Film und Fernsehen und auch wenn ich mir nicht allzu selten so vorkam, als wäre ich in einem klassischen High-School Film gelandet, gab es so einige Dinge, die komplett neu für mich waren und an die ich mich erst einmal gewöhnen musste: auch an kleine Sachen, wie dass wir meist nur von Papptellern aßen  - oder auch insgesamt das Essen - wie groß mir dort zu Beginn alles vorkam, aber auch zum Beispiel wie Freundschaften dort funktionieren, genauso in der Schule, wo einiges anders läuft. 

Zuerst mal muss man sagen, dass die Schule dort irgendwie mehr Spaß macht. Zum einen, weil mir der Schulstoff viel einfacher gefallen ist, aber auch, weil die Schule nicht nur aus Lernen besteht, sondern jeder Schüler die Möglichkeit bekommt Fächer zu wählen, die seinen Interessen entsprechen, somit wird Schule mit Hobbys und Freizeitaktivität verbunden. In den USA spielen Sport, Musik oder Kunst eine ebenso große Rolle wie die akademische Bildung in der Schule und werden stark gefördert. Dadurch entsteht ein sehr starker „School-Spirit“, der mich sehr begeistert hat und an dem ich natürlich selbst teilhaben wollte. Also bin ich der Band beigetreten, außerdem wollte ich im Softballteam meiner Schule spielen, aber da ich leider nicht in das Team aufgenommen werden konnte, hatte ich dennoch die Möglichkeit als Softball-Manager ein Teil des Teams zu sein. Egal welche Sportart, eigentlich war immer die gesamte Schule anwesend um ihr Team zu unterstützen. Das hat sich gut angefühlt und so hatte man auch gleich eine Gelegenheit seine Freunde zu treffen. 

Und noch eine weitere Sache war erst etwas ungewohnt: Jeden Morgen mussten alle Schüler sich erheben und den „Pledge of Allegiance to the Flag of the United Sates of America“ und den „Pledge of the Texan Flag“ aufsagen. Ich denke speziell in Texas sind die Leute sehr stolz auf ihr Land. 

Natürlich war der kulturelle Austausch nicht ganz einseitig, ich möchte behaupten, dass meine Gastfamilie und Freunde in den USA auch durch mich dazu gelernt und durch kleine Einblicke in unsere Kultur profitiert haben. Auch sie hatten die Möglichkeit durch meine Erzählungen einen anderen Blickwinkel zu bekommen und ihren Horizont zu erweitern. Ich habe aber nicht nur Geschichten geteilt, sondern auch traditionelle Gerichte, Bräuche oder deutsche Feste dort integriert. Zum Beispiel war Silvester bei meiner Gastfamilie normalerweise nicht gefeiert worden, aber weil ich da wa,r haben sie sogar original Schweizer Käse-Fondue gemacht und es hat ihnen so gut gefallen, dass sie diese Tradition weiterführen möchten. Und auch ich habe einige amerikanische Traditionen und Gewohnheiten mit nach Deutschland gebracht. 

Über den Alltag hinaus habe ich die Möglichkeit gehabt, andere Teile Texas kennenzulernen und sogar einige weitere Staaten. Ich war in Dallas und Fort Worth mit meiner Gastfamilie auf einer sogenannten „Exposition and Livestock Show“, an denen wir unsere Hasen ausgestellt und mit ihnen an einem Wettbewerb teilgenommen haben. Mit dem PPP waren wir Anfang Februar in Washington D.C. auf einem „Mid Term Seminar“ und haben die Stadt erkundet. Es war ein schönes Erlebnis die anderen Austauschschüler wieder zu sehen und Erfahrungen auszutauschen. Mit dem „Spanish Club“ meiner Schule sind wir drei Tage nach San Antonio gereist, haben die Stadt besichtigt und auch die mexikanische Kultur etwas genauer kennen gelernt. Dann bin ich in „spring break“ mit meiner Gastfamilie nach Indiana zu ihren Verwandten gefahren, wo wir den „Indianapolis Speedway“ besichtigt und andere tolle Dinge unternommen haben. Auf dem Rückweg haben wir in St Louis gestoppt und haben uns den berühmten Bogen angeschaut. Ein Wochenende habe ich mit dem „Youth Symphony Orchestra“ in Oklahoma City verbracht um dort ein Konzert zu spielen. In diesem Orchester habe ich außerhalb der Schule jeden Sonntag in Wichita Falls, eine Stadt circa eine Stunde entfernt von unserem Wohnort gespielt. Und in Austin, der Hauptstadt von Texas war ich ebenfalls mit meiner Gastmutter und zwei anderen Austauschschülerinnen, die beide auf meiner High School waren. Eine davon stammte aus der Ukraine, wodurch ich nebenbei noch ein Stück dieser mir fremden Kultur kennenlernen konnte.  In Austin haben wir das Capitol besichtigt und weitere Teile der Stadt angeschaut. Zum Abschluss, ganz am Ende des Jahres, war ich mit meiner Gastfamilie noch in Saint Marcos an einem Fluss campen. 

Ein weiteres Ereignis, das zur echten High-School-experience dazu gehört, war der „Prom“ mit all seinem Drama. Es ging schon los bei der Kleidersuche und originellen „Prom-proposals“. Am Prom-Tag selber haben alle mit ihren Wahnsinnskleidern tausende von Fotos gemacht und am Abend ging es zu dem „Ball“. 

Auch zuhause gab es oft Spannendes und Neues zu erleben. Wie zum Beispiel das jagen gehen, ich durfte zwar selbst nicht schießen, aber es war trotzdem sehr aufregend als meine Gastschwester ihr erstes Wildschwein erschossen hat. In unserem See konnte man perfekt fischen und so hat es nicht lange gedauert, bis ich selbst die Angel geschwungen habe und meine ersten Fische am Haken hatte. Zum echten Country-Leben hat natürlich auch ein großes Rodeo Turnier dazu gehört. Einfach verrückt, wie es da zugeht, mit großen Bullen, echten Cowboys und wahnsinnig guten Western-Reitern. An den Wochenenden sind ich und meine Gastschwester oft auf dem großen Land herumgefahren und haben unsere Begeisterung fürs Fotografieren ausgelebt. 

Dieses Jahr hat mir jedoch nicht nur tolle Erlebnisse geschenkt, sondern ich habe auch Freundschaften fürs Leben schließen können, nicht nur mit Amerikanern, sondern auch mit anderen Austauschschülern aus ganz Deutschland. Durch ähnliche Erlebnisse fühle ich mich mit ihnen besonders verbunden, denn ich glaube, das Gefühlschaos eines Austauschschülers kann man nur nachvollziehen, wenn man einmal in derselben Situation gesteckt hat. Und auch persönlich habe ich mich in diesem Jahr weiterentwickelt. Natürlich ist nicht immer alles einfach, wenn man ganz allein in eine neue Umgebung kommt, aber genau aus diesen schwierigen und nicht ganz so schönen Momenten habe ich das meiste gelernt. Man lernt diese zu akzeptieren und ich weiß manchmal selbst nicht, wie - aber irgendwie ist es mir immer gelungen positiv zu denken und eben die kleinen schönen Dinge zu sehen. Es hat mir die einzigartige Möglichkeit gegeben einmal alles aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Man hat die Gelegenheit unabhängig zu denken, aus einer anderen Perspektive und eine eigene Meinung zu bilden oder Dinge zu hinterfragen. Dadurch, dass ich eine andere Kultur kennengelernt habe, hat es mir auch geholfen meine eigene besser zu verstehen und zu schätzen. Automatisch vergleicht man immer sofort alles mit dem, was man gewohnt ist und was man kennt, obwohl das manchmal nicht die schlauste Idee ist, sich in seiner jetzigen Situation gut zu fühlen. Mir ist bewusst geworden, dass man oft aber auch einfach die Unterschiede akzeptieren muss und das jeweilige System seine eigenen Abläufe und Eigenschaften hat. Beispielweise Freundschaften funktionieren völlig anders in den zwei Ländern, eventuell werde ich mich nie zu hundert Prozent daran gewöhnen, wie das in den USA läuft, aber in dieser Kultur, in diesem System funktioniert es. Nur weil einem etwas anderes vertraut ist, heißt es nicht, dass das andere schlecht sein muss und man sollte auch nicht versuchen es zu ändern, denn für andere scheint es prima zu passen. Oft muss man sich selbst etwas anpassen. Trotz allem habe ich natürlich immer versucht, so viel wie möglich ich selbst zu sein. Dabei muss ich aber auch ehrlich sagen, dass ich glaube, dass es nicht möglich ist in einer anderen Familie hemmungslos man selbst zu sein, denn egal was, man diskutiert nicht lange mit seinen Gasteltern, sondern macht, was sie einem sagen und will so wenig Probleme wie möglich verursachen. Bei manchen Dingen hat es das gesamte Jahr gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe und einiges wird man vielleicht nie nachvollziehen können und verstehen, aber es ist das Wichtigste einfach die andere Kultur zu akzeptieren. 

Um ganz offen zu sein, könnte ich mir auch nicht vorstellen für immer in den USA zu leben, aber es war die beste Entscheidung meines bisherigen Lebens, ein Jahr aus meiner Komfortzone hinaus zu gehen. 

Ich habe mein gesamtes gewohntes Umfeld hinter mir gelassen, meine Familie, Freunde, meinen Alltag und alles andere, das in meinem Leben eine wichtige Rolle spielt. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich in diesem einen Jahr in einem parallelen Universum gelebt, mein komplettes Leben war einfach so anders, dass es sich oft für mich wie ein anderes eigenständiges Leben angefühlt hat. Als ich zurückkam, war es jedoch unerwartet ähnlich wie vor meiner Abreise. Es war, als hätte ich einfach nur wieder auf die Play-Taste gedrückt und alles war noch exakt so, wie ich es hinterlassen habe - wie wenn ich das gesamte letzte Jahr einfach nur verschlafen, dabei ein bisschen von Abenteuer in Amerika geträumt und einige Kleinigkeiten verpasst hätte. Dieses verwirrende Gefühl ist nicht zu beschreiben und genauso unmöglich ist es in Worte zu fassen, wie viel mir dieses Auslandsjahr bedeutet. Deshalb glaube ich, dass es nur schwer ist, zum Ausdruck zu bringen wie dankbar ich allen bin, die mir diesen Traum ermöglicht haben, dem Deutschen Bundestag, dem Bundestagabgeordneten Andreas Jung, dem US-Amerikanischen Congress, Partnership International, meinen Eltern, meiner Gastfamilie und vielen weiteren. Wahrscheinlich habe ich Vieles vergessen zu erzählen und es ist auch schwer all meine Erfahrungen und Erlebnisse so zusammenzufassen, aber ich hoffe, Sie haben einen kleinen Einblick in mein Erlebtes bekommen und kann allen nur empfehlen sich auch auf dieses Abenteuer einzulassen. 

Elisa Kleinstück 

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