Schloss Gaienhofen

Soziale Medien und Identitätslüge

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Joachim Kirchner / pixelio.de

Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo gehöre ich hin? Bin ich begabt oder eher durchschnittlich? Bin ich zu dick oder zu dünn? Bin ich gewollt, geliebt, beliebt? Werde ich von anderen angenommen und respektiert? Diese oder ähnliche Fragen stellt sich fast jeder Mensch irgendwann im Leben. Wenn mir jemand die Frage stellt – „Wer bist du?“ – dann antworte ich häufig: Ich heiße Alessia, bin 27 Jahre alt, lebe in Radolfzell am Bodensee, bin Lehrerin, liebe das Reisen in ferne Länder, aber auch den Bodensee und die Schweizer Berge. Doch eigentlich war das nicht die Antwort auf die Frage. Denn Alessia ist mein Name, 27 mein Alter, Radolfzell mein Wohnort, Lehrerin mein Beruf und Reisen meine Leidenschaft. Diese Dinge gehören zu mir, aber sie sagen doch irgendwie wenig darüber aus, wer ich wirklich bin.

Wer bin ich also wirklich? Auf meiner Reise nach meiner Identität bin ich vielen verschiedenen Stimmen begegnet. Und oft kamen dabei solche Fragen auf wie: Was denken meine Freunde von mir? Was sagen meine Eltern, wer ich bin oder sein sollte? Was erwarten meine Lehrer von mir? Zu oft habe ich meine Identität von meinem Umfeld und meinen äußeren Umständen bestimmen lassen. Auch die sozialen Medien haben mich in meiner Identitätsfindung stark geprägt.

Bei der Nutzung von Facebook, Instagram und Co. kamen in mir manchmal Selbstzweifel auf: Bin ich gut genug? Das Leben der anderen schien oft so viel schöner und glamouröser. Alle anderen waren gefühlt ständig im Urlaub, während ich für die Mathe-/ oder Französischarbeit büffeln musste. Dass das zuletzt gepostete Bild meiner Freundin jedoch vom selben Urlaub stammte, wie die letzten 20 Bilder, das wurde meist verschwiegen. Auf der Jagd nach Likes und Anerkennung kann das reale Leben manchmal ganz schnell an einem vorbeiziehen. Ist es nicht ganz schön unfair, den Instagram Feed eines anderen Menschen mit dem eigenen alltäglichen Leben zu vergleichen?

Im Vergleichen mit diesen perfekten Selbst-Inszenierungen wird mein Leben plötzlich klein und unbedeutend, meine Gaben und Talente scheinen wertlos. Es suggeriert mir, dass es da draußen immer jemanden gibt, der etwas besser ist oder kann als ich es tue. Ich glaube: Der schnellste Weg etwas Wunderbares kaputt zu machen, ist es mit etwas Anderem zu vergleichen. Denn wer postet schon die "absolute Wahrheit” in den sozialen Medien? Und ganz nebenbei: Diese Scheinidentität aufrecht zu erhalten, kann manchmal ganz schön anstrengend sein und macht unfrei.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an mein Lieblingskinderbuch: „Du bist einmalig“ von Max Lucado. Zusammenfassend lautet die Geschichte wie folgt: Punchinello lebt mit den anderen Wemmicks in der Stadt Wemmick. Das sind Holzpuppen, die von einem Holzschnitzer erschaffen wurden. Die Wemmicks steckten sich gegenseitig Sternchen für gutes Verhalten, Erfolge oder Schönheit an. Graue Punkte verteilten sie für schlechtes Benehmen, Ungeschicklichkeit oder Hässlichkeit. Punchinello gehörte zu den Holzpuppen, die immer nur graue Punkte erhielten. Das machte ihn traurig. Niedergedrückt ging er durchs Leben. Eines Tages traf er auf Lucia, die weder Sternchen noch Punkte hatte. Punchinello wollte wissen, warum Lucia so anders war. Sie schickte Punchinello zu Eli, dem Holzschnitzer, der alle Wemmicks gemacht hatte. Eli sagte zu Punchinello: "Du bist einmalig, weil ich dich lieb habe." Als Punchinello begann, dem Holzschnitzer zu glauben, fielen alle seine Punkte ab. Punchinello machte die Erfahrung, dass sein Wert nicht von den anderen Holzpuppen bestimmt wird, sondern von seinem Schöpfer. Er lernt, wie wichtig es ist, sich darin nicht von anderen beeinflussen zu lassen.

Wer bin ich also? Ich glaube zutiefst, dass ich in erste Linie Kind Gottes bin – geliebt und angenommen, einfach so. Mein Wert wird bestimmt durch Seine Wahrheit und nicht durch das, was ich tue oder nicht tue. Gott kennt mich durch und durch, besser als ich mich kenne. In Psalm 139 schreibt der Psalmist David die folgenden Zeilen:

“HERR, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch. Ob ich sitze oder stehe – du weißt es, aus der Ferne erkennst du, was ich denke.

Ob ich gehe oder liege – du siehst mich, mein ganzes Leben ist dir vertraut. Schon bevor ich anfange zu reden, weißt du, was ich sagen will.

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine schützende Hand über mir. Dass du mich so genau kennst, übersteigt meinen Verstand; es ist mir zu hoch, ich kann es nicht begreifen!

Wie könnte ich mich dir entziehen; wohin könnte ich fliehen, ohne dass du mich siehst? Stiege ich in den Himmel hinauf – du bist da! Wollte ich mich im Totenreich verbergen – auch dort bist du!

Eilte ich dorthin, wo die Sonne aufgeht, oder versteckte ich mich im äußersten Westen, wo sie untergeht, dann würdest du auch dort mich führen und nicht mehr loslassen.

Wünschte ich mir: »Völlige Dunkelheit soll mich umhüllen, das Licht um mich her soll zur Nacht werden!« – für dich ist auch das Dunkel nicht finster; die Nacht scheint so hell wie der Tag und die Finsternis so strahlend wie das Licht.

Du hast mich mit meinem Innersten geschaffen, im Leib meiner Mutter hast du mich gebildet.

Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast! Großartig ist alles, was du geschaffen hast – das erkenne ich!

Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm, unsichtbar noch, kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter, da war ich dir dennoch nicht verborgen.

Als ich gerade erst entstand, hast du mich schon gesehen. Alle Tage meines Lebens hast du in dein Buch geschrieben – noch bevor einer von ihnen begann!

Wie überwältigend sind deine Gedanken für mich, o Gott, es sind so unfassbar viele! Sie sind zahlreicher als der Sand am Meer; wollte ich sie alle zählen, ich käme nie zum Ende!”

Wer bist DU? Wer oder was bestimmt DEINEN Wert? Und worin liegt DEINE Identität?

Alessia Caroppo


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