Schloss Gaienhofen

Horizonterweiterung

Mittwochsandacht_online

Michael Löffler / pixelio.de

Vergangene Woche wurde die jährliche Statistik der politisch motivierten Kriminalität des BKA vorgestellt. Im Jahr 2020 gab es eine Zunahme solcher Straftaten um 8,5% gegenüber dem Vorjahr. Mehr als die Hälfte der Straftaten waren rechtsextremistisch motiviert. Bundesinnenminister Seehofer spricht von „klaren Verrohungstendenzen“ und dem Rechtsextremismus als „größter Bedrohung für die Sicherheit in unserem Land“.

Als besonders bedrückend empfinde ich die hohe Zahl der fremdenfeindlichen (9.420) und der antisemitischen (2.351) Straftaten in unserem Land. Dass sich der Antisemitismus in unserer Gesellschaft so hartnäckig hält, macht mich immer wieder fassungslos. Nicht zuletzt, weil er so gnadenlos irrational ist. Wer sich auch nur ein bisschen mit der jüdischen Geschichte und Kultur beschäftigt, wird deren Tiefe und Reichtum entdecken. Manches davon ist auch mir fremd – sicher. Aber das geht Menschen, die von außen auf unsere Kultur schauen, nicht anders.

Für Christen geht Antisemitismus schon zweimal nicht, weil damit die eigene Identität preisgegeben wird, die ja wesentlich vom Judentum geprägt ist. Pegida und anderen sei ins Stammbuch geschrieben: Das „christliche Abendland“ ist von Beginn an jüdisch-christlich geprägt.

Woher kommen dann aber der Antisemitismus und die ängstliche Ablehnung alles Fremden? Ist das nur ein Problem von Unterprivilegierten, vom Leben Benachteiligten, die einen Schuldigen für ihr Elend brauchen? So einfach ist es nicht. Antisemitische Vorurteile halten sich auch in der Mitte der Gesellschaft und machen vor gebildeten Milieus nicht Halt. Judenfeindliche Witze werden in allen Schulformen (manchmal kaum) hinter vorgehaltener Hand auf den Pausenhöfen erzählt und in den sozialen Netzwerken geteilt. Sollte Schloss Gaienhofen da eine Ausnahme bilden? Es wäre naiv, das zu glauben.

Ein Teil der Motivation mag Provokation sein. Die Suche nach dem Tabubruch in einer Gesellschaft, in der es nicht mehr viele Tabus gibt. Der Reiz des Verbotenen ist gar nicht mehr so leicht auszuleben. Und entschuldigend wird gerne vorgebracht: „Das sind doch auch nur Sprüche. Ist doch alles nicht ernst gemeint.“ Aber Witze auf Kosten von Minderheiten sind nicht witzig, sondern ein Armutszeugnis. Und Sprache hat Einfluss auf das Denken. Wer oft genug judenfeindliche Klischees wiederholt – und sei es im „Scherz“ – für den scheinen sie irgendwann real zu sein. Mancher Spruch und mancher „Witz“ schließlich erfüllen den Straftatbestand der Volksverhetzung.

Mit Coolness hat das alles wenig zu tun. Die Angst vor dem Fremden und die Profilierung auf Kosten von anderen zeigen vielmehr, dass es den Betreffenden an Selbstbewusstsein und an Gelassenheit (der Grundlage wahrer Coolness) fehlt. Die Ausgrenzung dessen, was von den eigenen Mustern abweicht, offenbart die Begrenztheit des eigenen Horizonts.

Vor uns liegt Christi Himmelfahrt. Dieses Fest steht für die Entgrenzung des Horizonts. Der Wirkungsradius des irdischen Jesus beschränkte sich im Wesentlichen auf Galiläa und Judäa, ein ziemlich kleines Gebiet also. Auch die Erscheinungen des Auferstandenen werden aus dieser Gegend überliefert. Mit der Himmelfahrt Christi werden diese lokalen Grenzen aufgehoben. Christus lässt sie hinter sich und geht in das Universum ein. Er wird im Wortsinn universal. Er wird wiederkehren in neuer Gestalt, als Heiliger Geist, der an keine Grenzen gebunden ist.

Nicht von ungefähr überliefert Lukas die Himmelfahrt am Anfang der Apostelgeschichte. Dieses Buch, das die Anfänge der Kirche beschreibt, ist ein Zeugnis der fortschreitenden Universalisierung des christlichen Glaubens. Ist dieser am Anfang noch auf eine überschaubare Zahl von Judenchristen in und um Jerusalem beschränkt, wird er vor allem durch den Apostel Paulus weit über die Grenzen Palästinas und des Judentums hinausgetragen. Gegründet im Glauben an den auferstandenen Christus und gestärkt durch den heiligen Geist können die Christen sich in die Fremde wagen und das Fremde in ihrer Mitte willkommen heißen.

Die Horizonterweiterung, für die Himmelfahrt ein Symbol ist, geschieht in den Köpfen und in den Herzen. Ein weites Herz und ein wacher Verstand, Souveränität und Gelassenheit, die dem Gehaltensein im Glauben entspringen. Das alles zeichnet eine Haltung aus, die einer christlichen Schule wie Schloss Gaienhofen gut ansteht. Daraus erwächst dann – wo nötig – auch der Mut, nicht wegzuschauen oder wegzuhören, sondern Hass und Hetze aufrecht entgegenzutreten. Am Tag vor Himmelfahrt wünsche ich uns allen dazu die Gegenwart des Heiligen Geistes.

Arnold Glitsch-Hünnefeld


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