Schloss Gaienhofen

„Der Pfarrer, der nicht an Gott glaubt“?

Mittwochsandacht_online

segovax / pixelio.de

„Ach, Sie sind der Pfarrer, der nicht an Gott glaubt.“ Diese Antwort bekam ich einmal, nachdem ich mich an einer früheren Schule in einer Vertretungsstunde der Klasse vorgestellt hatte. Das hat mich einerseits geärgert und mir andererseits zu denken gegeben. Ich halte mich durchaus für einen gläubigen Menschen. Mehr noch: Mein Glaube gibt mir Halt im Leben. 

Wie kam es dann zu der zitierten Aussage? Ich habe im Religionsunterricht noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Bibel nicht wortwörtlich verstehe. Das hatte sich wohl herumgesprochen. Dass die Bibel für mich gleichwohl Gottes Wort und die entscheidende Quelle der Offenbarung Gottes ist, wurde dabei wohl unterschlagen. 

Trotzdem: Ich bin mir sicher, dass nicht alle Menschen, die mit mir zu tun haben, meine Haltung zum Glauben überzeugend finden. Manchmal bezeichne ich mich selbst flapsig als einen „frommen Agnostiker“. Agnostiker sind Menschen, die Frage nach der Existenz Gottes mit „Ich weiß es nicht“ beantworten. In der Regel glauben sie nicht an Gott, aber sie sind auch keine überzeugten Atheisten. Ich glaube an Gott, den Gott der Bibel, aber ich bin mir zugleich dessen bewusst, dass sich die Existenz Gottes nicht beweisen lässt.  

Für mich ist an dieser Stelle die Unterscheidung von Haltung und Überzeugung entscheidend. Vielleicht kann eine biblische Geschichte das illustrieren. 

Am vergangenen Sonntag war die Geschichte von Paulus‘ Auftritt auf dem Areopag Predigttext (Apg 17,16-32). Denselben Text habe ich vor zwei Wochen mit den Schülerinnen und Schülern der BG2 besprochen. Der Areopag ist ein Felshügel im Westen der Akropolis in Athen. In der Antike wurde dort Recht gesprochen. Die Apostelgeschichte erzählt, dass Paulus von einigen Philosophen gebeten wird, dort Auskunft über seinen Glauben zu geben. Im Zentrum seiner Rede nimmt Paulus Bezug auf eine Inschrift, die er auf einem Altar in Athen gefunden hat: „Dem unbekannten Gott“. „Der, den ihr bisher unwissend verehrt,“ sagt er zu seinen Zuhörern, „ist kein anderer als der Gott, der Christus in die Welt gesandt und von den Toten auferweckt hat“. Die Reaktionen seiner Zuhörer reichen von Spott über freundliche Zurückhaltung bis zur Annahme des christlichen Glaubens. 

Der fremde Glaube als Durchgangsstadium zum eigenen, wahren Glauben. „Ihr habt zwar schon ganz gute Ansätze, aber ich erkläre euch jetzt mal, wer in Wahrheit Gott ist.“ Diese Haltung Andersgläubigen gegenüber wird „inklusivistisch“ genannt. Bei den meisten Schülerinnen und Schülern der Kursstufe kam sie nicht sehr gut an. Sie empfanden sie als überheblich.  

Ich erinnere mich an ein Taufgespräch mit einem Elternpaar, bei dem der Vater nicht an Gott glaubte, es aber akzeptierte, dass die Mutter das gemeinsame Kind taufen lassen wollte. Wir kamen auf die Frage zu sprechen, ob Menschen erst durch die Taufe zu Kindern Gottes würden. Ich sagte, dass ich persönlich davon überzeugt bin, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. „Also auch ich?“ fragte der Vater. Und als ich das bestätigte, meinte er, dass es ihm nicht recht sei, so vereinnahmt zu werden. Er empfand meine Haltung als inklusivistisch, auch noch nachdem ich ihm versichert hatte, dass ich seine gegenteilige Überzeugung respektiere. Aber er hatte mich nun mal gefragt. Und dann halte ich es für richtig, zu meiner Überzeugung zu stehen. 

Da ist sie wieder, die Unterscheidung von Haltung und Überzeugung. Ich glaube an Gott und ich bin überzeugt davon, dass er alle Menschen liebt. Glauben ist für mich ein tiefes Vertrauen, das mich trägt. Und (mindestens dann,) wenn ich danach gefragt werde, gebe ich auch darüber Auskunft. Aber ich maße mir nicht an, es besser zu wissen als andere. Ich respektiere, dass andere Menschen eine andere Weltanschauung oder einen anderen Glauben haben. Das ist kein Desinteresse, sondern ich glaube, dass Gott sich verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich zeigen kann. Und ich bin davon überzeugt, dass ich mit meinem begrenzten Verstand nur einen kleinen Bruchteil von Gott erkennen kann. Wenn ich in dieser Haltung in ein Gespräch gehe, dann kann ich zuhören und von meinem Gegenüber etwas lernen, ohne dass ich den eigenen Grund, auf dem ich stehe, preisgebe. 

„Der Pfarrer, der nicht an Gott glaubt“? Das bin ich, denke ich, nicht. Der „fromme Agnostiker“ – vielleicht. Ganz sicher bin ich einer, der mit der Suche im Glauben nicht fertig ist – und vermutlich auch nie sein wird. Und das ist gut so. 

Es grüßt Euch und Sie herzlich 

Arnold Glitsch-Hünnefeld


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